Von Helden und gebrochenen Backlinks

, zuletzt aktualisiert: 13. August 2014

Wordpress Login mit dem Usernamen AdminDer folgende Fall könnte meiner Meinung nach in die Geschichte der Suchmaschinenoptimierung eingehen, weil er eine Linkbuidling-Kampange sondergleichen darstellt. Welcher SEO träumt nicht davon, mit rinse-and-repeat viele tausende oder vielleicht sogar zehntausende Backlinks zu generieren, die kontextual und Google-freundlich sind?

Und wem das Prinzip gefällt, der kann sich theoretisch noch einklinken. Es gibt genug potentielle Ziele.

Der Schreck in der Morgenstunde

Gestern erreichte mich die aufgeregte Email eines Kunden „Herr Merkel, bitte schauen Sie sich das hier [eine Email, die ihm jemand geschickt hatte] dringend an und verbessern Sie mein Impressum bzw. die Datenschutzhinweise entsprechend.

Moment … Impressum und Datenschutzhinweise? Da besteht doch immer Abmahngefahr.. Ich überflog hastig die angehängten Zeilen – hatte da jemand meinem Kunden eine Abmahnung geschickt? War womöglich etwas mit dem von mir eingerichteten Google Analytics Konto nicht in Ordnung? Oder hatte ich bei den Datenschutz-Hinweisen etwas ausgelassen? Was war passiert?

Der Stein des Anstoßes für die Email

Google hat seine Privacy Hinweise für den Dienst Google Analytics überarbeitet bzw. mit den allgemeinen Datenschutzhinweisen verschmolzen. Die ursprüngliche URL http://www.google.com/intl/de/analytics/privacyoverview.html führt auf eine Fehlerseite. Mehrere hunderttausend Webseiten verlinken in ihren Datenschutzhinweisen auf diese URL (siehe Abbildung 1), die nun nicht mehr erreichbar ist. Das hat sich ein findiger Mensch zum Anlass genommen, eine riesige Broken Linkbuilding Kampange zu starten.

Suchmaschinen Ergebnisseite zu der betroffenen URL der Google Datenschutzhinweise

Was ist Broken Linkbuilding?

Fehlerhafte Links sind für jeden Webseitenbesucher ein Gräuel. Engagierte Webmaster sind daher mehr oder weniger bemüht, kaputte Links zu entfernen und – falls möglich – aktuellere Links mit ähnlich gutem oder besserem Inhalt zu setzen.

Das machen sich findige Suchmaschinenoptimierer zu nutze, indem Sie

  1. 1. gezielt nach Webseiten mit kaputten Links suchen
  2. 2. dann den Webmaster ansprechen und ihm mitteilen, dass ein Link auf seiner Seite kaputt ist
  3. 3. noch beiläufig erwähnen, dass sie selbst auch einen Artikel zu dem Thema geschrieben haben – ob der Webmaster nicht stattdessen darauf verlinken wolle?

Wenn der eigene Artikel gut ist, dann ist die Chance auf einen neuen Backlink relativ gut. Der unbedarfte Webseitenbetreiber ist froh, dass ihm jemand geholfen hat, einen Fehler zu entdecken und gleich noch einen Verbesserungsvorschlag mitgeliefert hat.

Das war jetzt natürlich die Kurzversion des Ganzen. Wer es ausführlicher möchte, findet im Netz viele Anleitungen, z.B. bei Moz http://moz.com/blog/the-broken-link-building-bible

Zählen ethische Bedenken beim Linkbuilding?

So weit so gut. Ich finde, gegen das oben beschriebene Vorgehen ist nicht wirklich etwas einzuwenden. Beide Seiten gewinnen etwas. Es besteht zudem keine Verpflichtung, tätig zu werden. Wenn ein Webmaster den kaputten Link stehen lassen möchte, kann er dies tun. Wenn er den alten Link entfernen, aber den vom Linkbuilder neu vorgeschlagenen Artikel nicht verlinken will, auch gut.

Was aber, wenn der kaputte Backlink wie im aktuellen Fall in den Datenschutzhinweisen steht. Beim Thema Datenschutz lauern schnell rechtliche Fallstricke – angefangen von Ermahnungen durch Datenschutz-Behörden (eventuell muss man seinen Analytics Account löschen und verliert somit seine ganze bisherige Datenbasis) bis hin zu Abmahnungen durch geldgierige Mitbewerber (bzw. deren Anwälte…).

Dementsprechend ist der Druck viel höher, aktiv zu werden. Die meisten Menschen kennen sich zudem gar nicht mit dem Thema aus. Man liest die erhaltene Email und denkt sich: „Oh, da ist ein Fehler in den Datenschutzhinweisen. Zum Glück soll ich keine Strafe zahlen, sondern muss nur den Link austauschen – das mache ich doch gern“.

Kontrovers wird die Angelegenheit, weil der kaputte Link gar nicht zwingend für ein rechtskonformes Betreiben von Analytics benötigt wird. Warum dann so viele Leute darauf verweisen, ist eine andere Geschichte. Es ist ein netter Zusatz für den unbedarften Webseitenbesucher. Ich glaube, dass dieser Link in einer Mustervorlage von Google selbst enthalten war, bin mir aber nicht mehr sicher.

Dass dieser Link ganz einfach gelöscht werden könnte, erwähnt der findige Broken Linkbuilder natürlich nicht. Es bleibt das Gefühl der Angst zurück. Man muss handeln. Die Lösung liegt auf der Hand. Zudem scheint der nette Herr, der einem die Email geschrieben hat, ja glaubwürdig zu sein, immerhin arbeitet er angeblich mit ZDF, Bayrischem Rundfunk und Antenne Bayern zusammen.

Email an die Webseitenbetreiber zu ihrem Datenschutzhinweis

Die für mich fragwürdige Wortwahl habe ich mit Rot markiert. Ist diese Erklärung wirklich wichtig (nicht unbedingt)? Sollte sie ausgetauscht werden(nicht unbeding)? Ist der Mann ein edler Gönner, weil man „kostenlos“ auf seine Seite verlinken darf (nein, er profitiert davon)? Ist er wirklich Experte (anscheinend auf jeden Fall ein Experte für Broken Linkbuilding…)? Arbeitet er wirklich mit den genannten Sendern zusammen (das wird sich noch herausstellen)?

Eine schneller Blick auf die Webseite des Senders ergibt, dass er eine Mini-GmbH (Unternehmergesellschaft) betreibt, wo er Pressesprecher und Inhaber (und vermutlich noch einige andere Funktionen) in einem ist. Ich bezweifle, dass er tatsächlich mit den genannten Unternehmen zusammenarbeitet, aber wer überprüft das schon … (wer weiterliest erfährt es).

Der Erfolg dieser Broken Linkbuilding Kampange

Scheinbar stellen innerhalb kürzester Zeit viele angeschriebene Webseitenbetreiber Ihren Link um!
Bei über 300000 potentiellen Webseiten ist es kein Wunder, wenn viele Backlinks dabei herausspringen.

Allein in den letzten 2 Tagen wurde der von dem findigen Linkbuilder vorgeschlagene Artikel mit den alternativen Analytics Informationen 60 mal verlinkt. Chapeu! Treffer und versenkt…

Vielleicht wird dies ja die erfolgreichste Broken-Linbuilding Kampange für lange Zeit, denn die Anzahl der Zielseiten ist riesig und das Crawlen nach potentiellen „Opfern“ und die Erstellung des Anschreibens sind schon mit geringen Programmierkenntnissen automatisierbar.

Diagramm mit der Anzahl der Backlinks nach 2 Tagen der Kampange

Sind die von ihm vorgestellten Informationen wirklich so gut? Ich hatte ja oben geschrieben, dass bei dem broken Linkbuilding möglichst gute Inhalte erstellt werden sollten, die auch verlinkungswürdig sind. Ich habe die besagte Seite kurz überflogen, die Infos sind ok, aber eher schnell, kurz und bündig zusammengeschrieben. Da die Informationen keine rechtliche Relevanz haben, können daraus aber wohl kaum Probleme entstehen, falls sich Fehler eingeschlichen haben.

Der einzig verpflichtende Link in dem Datenschutz-Hinweis scheint derzeit der Opt-Out Link zu sein, damit das Tracking durch Google Analytics vom Besucher unterbunden werden kann, wie unter http://www.website-check.de/datenschutzrecht/google-analytics-bussgeldandrohung-durch-das-datenschutzzentrum-saarland noch einmal nachgelesen werden kann.

Meine Reaktion auf die Email

In meinem Fall hat der Versender der Massenemails keinen Erfolg gehabt, ich habe beim Kunden nicht seine Seite verlinkt, sondern eine recht informative Seite von Google herausgesucht: https://www.google.com/analytics/learn/privacy.html. Ich denke das ist eine gute Alternative zu der in der Email genannten Seite.

Wer unsicher ist, wie er sich verhalten soll, muss natürlich am besten einen Fachanwalt für Internetrecht dazu befragen. Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung.

Zusätzlich habe ich Anfragen an die beiden in der Email erwähnten öffentlichen Sender – die auch auf seiner Webseite als Referenzen stehen – gestellt, ob und in welchem Umfang diese mit ihm zusammenarbeiten.

Ich habe wirklich Respekt vor der Findigkeit dieser Aktion, aber muss auch sagen, dass ich sie ethisch fragwürdig finde. Zählen im Business überhaupt ethische Grundsätze? Darf man so subtil mit der Angst vor rechtlichen Konsequenzen spielen wie in diesem Fall (ok, die Kosmetik-Industrie spielt mit der Angst vor dem Altwerden, die Nahrungsergänzungs-Industrie mit der Angst vor dem Krankwerden, also ist es wohl ein normales Vorgehen). Trotzdem kann man mit Sicherheit darüber diskutieren.

Ich werde den weiteren Erfolg der Kampange und die Antworten der Sender abwarten und demnächst wieder berichten. Vielleicht hat der ein oder andere Lust bekommen, auf den Zug aufzuspringen. Bei so vielen potentiellen Ziel-Webseiten könnte sich das lohnen…

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Thomas Merkel unterstützt kleine Unternehmen und Selbstständige im Bereich Online Marketing. Er steht ein für eine ganzheitliche Betrachtung, bei der Design, Psychologie und Analytik eng verzahnt zusammenarbeiten: der clevere Webdesign Prozess.
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